Den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken

Fotohinweis: Eberhard Haußmann, Barbara Brückner-Walter, Bärbel Greiler-Unrath, Michael Waldmann (v.l.) vor der Lutherkirche Nürtingen

 

 

PRESSEMITTEILUNG Im Auftrag des Kreisdiakonieverbands Esslingen

 

 

 

10. Nürtinger Vesperkirche vom 29. Januar bis 19. Februar in der Lutherkirche

 


Zum 10. Mal findet zwischen dem 29. Januar und dem 19. Februar in der Nürtinger Lutherkirche die Vesperkirche statt. „Gemeinsam an einem Tisch“ ist Motto und Programm dieses Begegnungs- und Armutprojektes mit durchaus politischer Dimension. „Sie soll auch ein Stachel in der Gesellschaft sein“, sagt der Nürtinger Dekan und KDV-Vorsitzende Michael Waldmann.


Als 2008 in der Lutherkirche erstmals Menschen mit und ohne schmalem Geldbeutel eingeladen waren, sich gemeinsam an einem Tisch zu versammeln, betraten die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Nürtingen und der Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen (KDV) Neuland. „Als erste Vesperkirche im Landkreis waren wir Vorreiter für Esslingen und Kirchheim, die ein Jahr später folgten“, erinnert sich Waldmann. Die Vesperkirche wolle Menschen am Rand der Gesellschaft in die Mitte nehmen. In der Vesperkirche bekommen sie drei Wochen lang zum symbolischen Preis von einem Euro an einem schön gedeckten Tisch ein reichhaltiges Mittagessen, Kaffee und Kuchen und damit etwas, was viele sich im Alltag nicht leisten können, weiß der Dekan. Doch die Vesperkirche will nicht ausschließlich Armenspeisung sein. Vielmehr gehe es darum, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken: „Alle sind eingeladen“, betont Waldmann. Für ihn steht die Vesperkirche ganz in biblischer Tradition der Tischgemeinschaft Jesu. 65 000 Gäste haben in den letzten zehn Jahren an den Tischen in der Lutherkirche Platz genommen. „Die Zahl der bedürftigen Gäste hat zugenommen“, sagt Waldmann. Viele von ihnen helfen inzwischen ehrenamtlich selbst mit und hätten die Vesperkirche so zu ihrer Sache gemacht. Bedauerlich sei, dass die Zahl der „Solidaritätsesser“, die den realen Preis für ein Essen in Höhe von sechs Euro oder gar mehr bezahlen, abgenommen habe.

 

Dass es keiner Vesperkirche aus Gründen der Armut bedürfe, wünscht sich nicht nur Waldmann. „Die Schere zwischen Arm und Reich geht auch im Landkreis immer weiter auseinander“, berichtet KDV-Geschäftsführer Eberhard Haußmann. Alleinerziehende, Rentnerinnen und eine gleichbleibend hohe Zahl an Langzeitarbeitslosen sind besonders betroffen. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp und die Hartz-IV-Sätze müssten im Sinne einer gerechteren Verteilung des Einkommens dringend angehoben werden, benennt er nur zwei kritische Punkte. „Diejenigen, die täglich darum ringen, nicht in die Verschuldungsfalle zu kommen, sind für mich die Helden des Alltags“, sagt Haußmann. Solche Menschen kennenzulernen ermögliche die Vesperkirche, die deshalb auch Inklusionsprojekt sei.

 

Damit die Vesperkirche funktioniert, braucht es jeden Tag mindestens 45 Ehrenamtliche, die die Tische decken, das Essen, das zwei Nürtinger Metzgereien liefern, ausgeben und servieren oder das Geschirr spülen. Mehr als 300 Männer und Frauen engagieren sich jedes Jahr bei der Nürtinger Vesperkirche. Darunter sind auch viele Schüler, Konfirmanden und auch Flüchtlinge – „eine Herausforderung, aber auch ein tolles Erlebnis“, sagt Vesperkirchenleiterin Bärbel Greiler-Unrath. Zwischen 11.30 und 14.30 Uhr ist die Lutherkirche täglich während der drei Wochen geöffnet. Die 160 Plätze werden meist zweimal belegt. Neben dem Essen gibt es besondere Angebote wie Friseurdienste, Fußpflege, anwaltliche Beratung und natürlich seelsorgerliche Gespräche mit Barbara Brückner-Walter, der Pfarrerin der Lutherkirche, die täglich in der Vesperkirche präsent ist. Erstmals bietet die Tierrettung in diesem Jahr eine Haustier-Sprechstunde an. Zudem wird über soziale Hilfsangebote in der Stadt informiert. Täglich findet eine kurze Andacht statt. Sonntags gibt es nicht nur einen Gottesdienst, sondern auch einen „Kulturnachtisch“. Auch abends finden immer wieder Kulturveranstaltungen zu Gunsten der Vesperkirche statt.

 

Die jährlichen Kosten belaufen sich auf rund 50 000 Euro, wovon 33 000 Euro auf das Essen entfallen. Etwa ein Drittel decken die Erlöse ab, der Rest wird aus Spenden und Gottesdienstopfern finanziert. Dass die nötige Summe jedes Jahr zusammenkommt, ist für Dekan Waldmann ein Zeichen großer Solidarität: „Die Vesperkirche ist inzwischen in Nürtingen fest verankert.“

 

Für Barbara Brückner-Walter verändert sich durch die Begegnung der Menschen in der Vesperkirche auch etwas vom Bild der Kirche. „Wir können manches zurechtrücken.“ Für sie sei es sehr berührend, an den Schicksalen von Menschen Anteil zu haben. Sie hört während der drei Wochen von vielerlei Nöten – von finanziellen Problemen ebenso wie von psychischen oder körperlichen Krankheiten, von Einsamkeit, Trauer und Verlust. „Ich erlebe Menschen, die aus dem normalen Leben herausgerissen wurden, wie es jedem von uns passieren könnte.“ Die Vesperkirche sei ein niederschwelliges Angebot kirchlicher Seelsorge. „Die Menschen haben immer komplexere Probleme“, hat Michael Waldmann beobachtet.

 

Das Jubiläum wird am 5. Februar um 10 Uhr mit einem Gottesdienst und Festakt in der Lutherkirche gefeiert. Die Predigt hält Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg. Anschließend gibt es unter anderem Tanz und Musik. So wird ein eigens komponiertes Vesperkirchen-Lied uraufgeführt.

Zehn Jahre Vesperkirche in Nürtingen sind auch in der zum Jubiläum erschienenen Festschrift festgehalten. Das Heft enthält eine bunte Palette an Erinnerungen und Bildern und gibt so Einblicke in den Vesperkirchen-Alltag. Zu Wort kommen Haupt- und Ehrenamtliche, aber auch Besucherinnen und Besucher.

 

Für die diesjährige Vesperkirche werden noch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht. Wer mithelfen möchte, kann sich an Bärbel Greiler-Unrath wenden: Kontakt: vesperkirche@evkint.de oder 0152-29509529. Alle Infos zur Vesperkirche und das detaillierte Kultur- und Jubiläumsprogramm finden sich unter www.vesperkirchen-landkreis-esslingen.de

 

Text und Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger